Ein Geist als Navi

Auch wenn die Montanuni nicht Hogwarts ist, gibt es dennoch Treppen die sich verschieben, Räume, die plötzlich verschwinden und Professoren, die dubiose Doppelgänger haben. Besonders am Beginn des Studiums wird es einem schnell klar, dass man nicht selbst die Macht hat. Die hat definitiv das Universitätsgebäude.

Ein außerordentlich gut ausgeprägter Orientierungssinn wäre hier eine wünschenswerte Zauberkraft, aber wer hat das schon? Ich jedenfalls nicht. Und wie es scheint, auch viele meiner Mitstududiereden nicht – zumindest konnte mir in den ersten Uniwochen niemand wirklich weiterhelfen, als ich auf der Suche nach dem Hörsaal Markscheidekunde war.

Meiner Meinung nach hatte ich alle notwendigen Informationen. Er sollte sich im Hauptgebäude befinden, genauer gesagt im 2. Obergeschoss. Da kann dann eigentlich nicht mehr viel schief gehen. Möchte man zumindest meinen. Habe auch ich gemeint. Vorsichtshalber dann doch noch mal bei einem Kollegen nachgefragt. „Ja, ist gleich hinter dem Zeichensaal.“ Riesige Freude meinerseits, denn den Zeichensaal finde ich mittlerweile auch ohne Schatzkarte. Oder Begleitschutz.

Schwer atmend erreiche ich also endlich den richtigen Stock – glücklicherweise bin ich nie die einzige, die sich die letzten Meter hechelnd am Geländer hochzieht. Zur Macht des Unigebäudes gehört es definitiv auch, Treppensteigen zu einem High-Intensity-Workout werden zu lassen. Ich biege jetzt nach links ab und stehe dann vor der Türe zum Zeichensaal. Aber dort ist kein Gang mehr. Es befindet sich dort auch kein Geheimgang. Zumindest kann ich ihn mit meiner Schwammerl-Power nicht sehen. In meiner Überforderung verliere ich kurz die Fähigkeit, mein Hirn zu benutzen. Viele von euch haben sicher schon eine Idee, was genau mein Problem ist.

Aber als Nachwuchs-Montanist*in ist man anfangs grundsätzlich überfordert mit den kleinsten Problemen und schafft es teilweise nicht mehr, die Grundrechenarten richtig durchzuführen. Im Allgemeinen kehren diese Fähigkeiten aber im Laufe der ersten Semester wieder zurück. Leicht panisch drehe ich wieder um. Denn natürlich habe ich keine 15 Minuten zum Suchen des Hörsaals eingeplant und das Konzept der fehlenden Anwesenheitspflicht in Vorlesungen noch nicht wirklich verstanden. Die Treppen nach unten lege ich in Rekordzeit zurück. Und nein, ich habe sie nicht stolpernd mit dem Kopf voraus hinter mich gebracht. Im Erdgeschoss sendet mir der Geist von Peter Tunner endlich eine kleine Idee. Wahrscheinlich hat er sich ja selbst im Hauptgebäude verirrt. Was würde er denn sonst hier machen, wenn er doch sein eigenes Reich ein paar Straßen weiter hat.

Nach einem Sauerstoffzelt winselnd quäle ich mich also erneut die Stufen hoch. Und biege diesmal nach rechts ab. Im Stechschritt geht es denn Gang entlang – verfolgt von zwei weiteren Studierenden, die gerade aus der Richtung des Zeichensaales gekommen sind. Ja, sie wären auch auf Hörsaalsuche. Nein, sie wären keine Erstsemestrigen. Nein, sie hätten nach wie vor keine Ahnung, wo genau sich welcher Raum befindet. Anscheinend gehört das nicht zu den Fähigkeiten, die man an der Montanuni perfektioniert.

Nachdem wir nun endlich das ganze Gebäude einmal komplett umrundet haben, stehen wir vor dem Zeichensaal. Diesmal von der anderen Seite. Was uns aber nicht hilft, immerhin müssen wir in den Hörsaal Markscheidekunde.

Endlich beginnen unsere Gehirne wieder zu arbeiten, jemand zückt sein Handy, schaut sich den Raumplan nochmal an und innerhalb weniger Sekunden sitzen wir auf unseren Plätzen. Der Professor ist noch nicht da. Vielleicht ist er auch noch auf dem Weg?
Im Hintergrund hört man ein Gebäude leise lachen.


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